Reise-Seiten

Hier könnten zu meinen 65 bisher veröffentlichten Reiseberichten noch weitere stehen, doch infolge der Corona-Krise wurden diese Seiten bisher nicht gedruckt.
Ich hoffe auf bessere Zeiten und stelle hier vorerst auf den folgenden Seiten meine Dateien dieser Berichte ein.

Seite 15 … Die Flachsblume im Wappen – Die Alte Hansestadt Lemgo

Seite 16 … Und über allem thront die Burg – Wertheim und das Liebliche Taubertal

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Die Flachsblume im Wappen

Inmitten des Lipper Berglandes: Die Alte Hansestadt Lemgo
Von Folkert Frels
Der Ursprung der Stadt Lemgo, rund 20 Kilometer von der A2-Abfahrt Herford/Bad Salzuflen an der Südkante des Städte-Dreiecks Minden-Bielefeld-Hameln gelegen, ist nicht vollständig geklärt. In alten Schriften werden bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts die Bezeichnungen „Limgauwe“ und „Limga“ verwandt. Das Lemgoer Stadtarchiv kann eine Urkunde von 1245 vorweisen, in der Bernhard III, Edelherr zur Lippe, der Stadt Lemgo die ihr von seinem Vater und Großvater übertragenen Stadt-Rechte bestätigt. Daraus leiten die Stadthistoriker ab, dass Bernhard II, der Großvater des vorstehend Erwähnten, im Jahre 1190 Lemgo gegründet hat. Begünstigt durch die Lage im Schnittpunkt zweier Handelswege wuchs die Ansiedlung im Tal der Bega recht schnell, zählte Anfang des 14. Jahrhunderts bereits um die 4000 Einwohner. Bedeutend für Lemgo waren der Flachsanbau und die Fertigung von Leinen aus den Flachsfasern – das Wappen der Stadt Lemgo zeigt die blaue Flachsblume und würdigt damit die Pflanze, die entscheidend zum Wohlstand der Stadt beitrug. Lemgo wurde schon frühzeitig Mitglied der Hanse, trieb Fernhandel über Lübeck hinaus in den Norden. Kaufleute aus Lemgo hatten Kontakte nach Visby auf Gotland, Stockholm und das finnische Abo. Leinen, Tuche und Garn fanden als wichtigste Handelsware Käufer auch in Flandern. Bis 1622 leisteten die Lemgoer Zahlungen an die Hanse.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg kam das Ende des hanseweiten Handels, Lemgos Wohlstand ging ebenso zurück wie die Einwohnerzahl: Nach dem Krieg lebten nur noch rund 1500 Menschen in der Stadt an der Bega – ein Drittel weniger als vorher. Zudem wüteten Seuchen, und in deren Gefolge – irgendjemand musste ja die Schuld daran haben – kam es verstärkt zu Hexenverfolgungen. Lemgo entwickelte sich gar zu einem Kerngebiet der Hexenprozesse in Mitteleuropa. Um 1666 schaffte es Hermann Cothmann, als „Hexenbürgermeister“ ein unrühmliches Kapitel in der Lemgoer Stadtgeschichte zu schreiben. Sein im Stil der Weserrenaissance erbautes Wohnhaus in der Breiten Straße beherbergt heute das Stadtmuseum und beleuchtet die dunkle Zeit der Hexenjagden, die erst 1715 mit der Verbrennung des „Hexenbuches“ endete, widmet sich aber auch der Stadtgeschichte und der Entwicklung von Handwerk und Gewerbe.

Das Hexenbürgermeisterhaus

Wir standen vor dem eindrucksvollen Gebäude – ins Museum hinein konnten wir nicht, es war geschlossen. Das Hexenbürgermeisterhaus zählt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, war damals, als es im 16. Jahrhundert errichtet wurde, eines der größten und imposantesten Häuser der Stadt und gehört heute zu den wichtigsten Zeugnissen der Renaissance an der Weser. Es ist in hohem Maße anzuerkennen, wie hier einerseits ein Haus als Baudenkmal erhalten wurde, gleichzeitig aber auch die Belange als Museum damit in Einklang gebracht wurden und einen Blick zurück in die Geschichte Lemgos ermöglicht.
Auf unserem Rundgang durch die Alte Hansestadt Lemgo, wie sie sich in Besinnung auf ihre Historie nennt, war es für uns die letzte Station vor der Rückkehr zu unserem Auto, das wir an der Bismarckstraße abgestellt hatten. Von dort aus waren wir dem Hinweisschild gefolgt, das uns den Kastanienwall entlang, dann am Campingpark vorbei zum Schloss Brake führte. Ursprünglich eine der größten

Schloss Brake

mittelalterlichen Burgen in

Schloss Brake – an drei Seiten von Wasser umgeben

Norddeutschland, ließ Graf Simon VI zur Lippe diesen zwischen zwei Armen der Bega liegende Gebäudekomplex ab 1587 zu einem vierflügeligen Repräsentativbau der Weserrenaissance umbauen. An drei Seiten von Wasser umgeben, flankiert von mehreren, auch der Energiegewinnung dienenden Wassermühlen, ist Schloss Brake ein idyllisches Fleckchen. Für Einheimische das Ziel sonntäglicher Spaziergänge, für Touristen auf der Liste dessen, was man sich in Lemgo anschauen sollte, ganz oben. Das im Schloss ansässige „Weserrenaissance-Museum“ zeigt anhand seiner Exponate aus Malerei, Architektur, Wissenschaft und Handwerk einen Auszug aus der kulturellen Vergangenheit des 16. und 17. Jahrhundert.
Auf unserem Rückweg in die Stadt gingen wir an einem Teilstück der alten Stadtmauer entlang, ließen uns von den charakteristischen zwei unterschiedlichen Türmen der St. Nicolai-Kirche leiten: Der Nordturm aus dem Jahre 1569 zeigt sich im Renaissancestil, während der Südturm rund 100 Jahre später mit einem gedrehten Spitzhelm versehen wurde. 1210 gilt als Jahr der Grundsteinlegung der Kirche; sie ist also so alt wie die sie umgebende Stadt. Schon früh, nämlich ab 1527, wandten sich die Gläubigen dem Protestantismus zu.

St. Nicolai mit den beiden Türmen

Überliefert ist der Ausspruch des damaligen Bürgermeisters „Sie singen alle!“ über die Ausübung des lutherischen Gottesdienstes. Sehenswert sind die aus dem Jahre 1597 stammende Taufanlage, der aus Lindenholz geschnitzte Hochaltar und die Kanzel.

Die Taufanlage von St. Nicolai

Nur ein paar Straßen weiter und wir standen auf dem Marktplatz, dem zentralen Punkt Lemgos, der beherrscht wird von dem in unterschiedlichen Epochen entstandenen Rathaus.

Das Rathaus von Lemgo mit dem Apothekenerker

Wir gingen am „Winteppenhaus“ vorbei, blickten zu dem gotischen Staffelgiebel der Ratslaube empor, bewunderten dann das wohl meistfotografierte Motiv Lemgos, den „Apotheker-Erker“. Dieses herausragende Bauteil mit den Reliefs berühmter Ärzte und Naturforscher macht das „Niggehuis“, in dem es seit 1559 eine Apotheke gibt, zum

Der Eingang des Rathauses

Der ‚Apothekenerker‘

Schmuckstück. An der Schmalseite des Rathauses beeindruckte uns die reich verzierte Ratslaube mit ihrer Freitreppe. Wir bummelten die Mittelstraße entlang, schauten in einige Querstraßen hinein, kamen an der 700jährigen St.-Marien-Kirche vorbei und gewannen den Eindruck einer beschaulichen, dennoch lebendigen Stadt. Wir liefen allerdings nur durch den alten Stadtkern, der fast ringsum von mittlerweile nicht mehr dem Schutz der Stadt, sondern dem städtischen Grün dienenden Wällen umgeben ist, sahen nicht viel von den anderen Teilen der immerhin 41000-Einwohner-Stadt. In einem Text über Lemgo wird erwähnt, dass seit mehr als 600 Jahren jeweils vom ersten Donnerstag bis zum darauffolgenden Sonntag im Dezember das „Kläschen“ gefeiert wird – d a s Volksfest in Lemgo.

Die Kleinigkeiten sind’s – Erker an einem Geschäftshaus an der Breiten Straße

Jetzt, nach unserem Rundgang, konnten wir uns dies Spektakel vorstellen: Kilometerlang ist dann die Budenstadt mit Glühwein-, Lebkuchen- und anderen Ständen, zieht sich vom Lippegarten zum Marktplatz und über das Ostertor, den Kastanienwall zum Regenstorplatz, auf dem dann Fahrgeschäfte aller Art locken werden. Weil gerade von „Lebkuchen“ die Rede war: 1920 gründeten die Brüder Otto und Karl Pahn einen Backbetrieb, in dem sie Lebkuchen herstellten. Nach nunmehr 100 Jahren ist kaum ein Volksfest in Deutschland denkbar ohne die bunten, mit zuckersüßen Sprüchen verzierten Herzen von PAHNA aus Lemgo – ein leckerer Werbeträger für die Alte Hansestadt.

Grüngürtel zwischen Altstadt und Bega-Auen

Vom Hexenbürgermeisterhaus aus schlugen wir den Weg zum Lindenwall ein, sahen die Bega-Terrassen, eine noch recht junge Maßnahme zur Regulierung des Wasserstandes der Bega. Dass die Lemgoer Verwaltung sehr bemüht ist, städtische Entwicklung und Natur in Einklang zu bringen, sieht man an den seit 2016 laufenden Umgestaltungs-Maßnahmen, die sich vom Langenbrücker Tor an am Lindenwall entlangziehen und unter dem Leitbild

Neugestaltet – die Bega-Auen am Rande der Altstadt

Stadt ans Wasser“ stehen. Uferbereiche der Bega wurden neu geformt, Flutmulden angelegt, Sitzstufen sollen noch kommen, eine zusätzliche Promenade direkt am Wasser, unterhalb des Lindenwalles ist schon fertig und wird von der Bevölkerung gut angenommen.

Mit dem Auto, nicht mehr zu Fuß, suchten wir, schon auf dem Heimweg, das Junkerhaus auf – ein architektonisch höchst ungewöhnlicher Bau. Karl Junker, 1850 in Lemgo geboren, zum Tischler ausgebildet, entdeckte seine künstlerische Begabung

Das Junker-Haus – Einst Wohn- und Arbeitsstätte des Künstlers Karl Junker – 1850-1912, heute ein Museum

und wurde Maler, Bildhauer und Architekt. Er galt als Sonderling und Kauz. 1912 starb er an einer Lungenentzündung und hinterließ sein nach eigenen Plänen zwischen 1889 und 1893 gebautes Haus, das heute als Museum genutzt wird.