Reise-Seiten

Hier könnten zu meinen 65 bisher veröffentlichten Reiseberichten noch weitere stehen, doch infolge der Corona-Krise wurden diese Seiten bisher nicht gedruckt.
Ich hoffe auf bessere Zeiten und stelle hier vorerst auf den folgenden Seiten meine Dateien dieser Berichte ein.

Seite 15 … Die Flachsblume im Wappen – Die Alte Hansestadt Lemgo

Seite 16 … Und über allem thront die Burg – Wertheim und das Liebliche Taubertal

——————–

Und über allem thront die Burg

Und über allem thront die Burg

Parzival und Melusine • Wertheim und das Liebliche Taubertal

Von Folkert Frels

Parzival gehörte – so wird in alten Schriften behauptet – als Ritter am Hofe König Arthurs der ‚Tafelrunde‘ an. Bei der Suche nach dem Heiligen Gral spielte er eine bedeutende Rolle, gilt als „König aller Ritter“. Zahlreiche Geschichten aus grauer Vorzeit ranken sich um dieses Thema. Einer derer, die den Lebensweg Parzivals aufschrieben, war Wolfram von Eschenbach (um 1170 – um 1220). Zeitweise stand dieser bekannteste aller mittelalterlichen Dichter in Diensten des Grafen Poppo II, dem Herrn auf Burg Wertheim. Ein großer Teil des Parzival-Epos‘ wird demzufolge auf dieser Wehranlage entstanden sein. Eine „Parzival-

 

Parzival-Spirale

Spirale“ im Burg-Hof erinnert seit 2011 daran und zeigt die Verbindungen unter den einzelnen Mitgliedern der von Eschenbach beschriebenen Rittergemeinschaft und ihres Umfeldes auf. Heute ist die um 1183 zum ersten Mal urkundlich erwähnte Burg in ihren Grundzügen eine Ruine – weithin sichtbar thront sie auf einem Bergrücken oberhalb Wertheims. Schon bei unserer Ankunft auf dem Azur-Campingplatz am Main-Ufer, zwei Kilometer von Wertheim entfernt, haben wir ihr Sandsteingemäuer am Spätnachmittag warm im Schein der Abendsonne leuchten gesehen – als es dunkler wurde, übernahmen große Strahler die Arbeit. Und so fassten wir den Beschluss, am nächsten Tag die Fahrräder zu schnappen und gen Wertheim zu radeln.

Das Kittstein-Tor – und über allem die Burg

Wir unterquerten die Odenwaldbrücke, die hier die Mündung der Tauber in den Main überspannt. Knapp 130 Kilometer ist die Tauber lang, von ihrer Quelle, dem Klingenbrunnen bei Weikersholz, nahe dem baden-württembergischen Rot am See, bis nach Wertheim. Auf ihrem Weg zum Main wechselt sie mehrfach über die Landesgrenze nach Bayern und wieder zurück. Wertheim selbst ist die nördlichste Stadt Baden-Württembergs – die Mitte der den Main querenden Spessart-Brücke, die den Anschluss der Stadt zur nahen A 3 herstellt, markiert die Landesgrenze nach Bayern.

Links von uns, am anderen Tauberufer, reckt sich der rund 36 Meter hohe „Spitze Turm“ in den Himmel. Im 13. Jahrhundert als Wachturm errichtet, diente er zeitweise als – wie es im Stadtplan heißt – Gefängnis für „Trunkenbolde“ und „zänkische Weiber“. Kurze Zeit später nutzten wir die Tauberbrücke, um in die Altstadt von Wertheim zu kommen. Klein, verträumt, ausgestattet mit einer Vielzahl gut erhaltener Fachwerkbauten, die alten Quartiere von winkligen, sorgsam gepflasterten Gässchen durchzogen, kuschelt sich die Stadt zwischen Main und Taubermündung an den Berg.

Ein Schmuckstück – Wertheims Marktplatz

Wir parkten unsere Räder an der mächtigen Stiftskirche St. Marien, einer dreischiffigen Basilika im gotischen Stil. Merkwürdig: Die aus dem Jahre 1544 stammende Turmuhr – eine der ältesten Uhren ihrer Art in Deutschland – zeigt den Burgherren auf ihrem östlichen Zifferblatt nur, was die Stunde geschlagen hat. Die zum Marktplatz weisende Seite verfügt über einen zweiten Zeiger für die Minuten. Innen beeindruckt die Kirche mit hohen, hellen Wänden, die von roten Sandsteinbögen gesäumt sind. Im Hohen Chor wölbt sich roter Stein hoch über den Altar, in die Wände eingelassene Grabplatten zeugen von längst vergangenen Zeiten. Emporstrebende Pfeiler enden in einem prächtig ausgemalten Kreuzrippengewölbe. Wir konnten nicht anders – wir mussten einen Augenblick innehalten und all das auf uns wirken lassen.

Wir verließen die Stiftskirche, umrundeten den Engelsbrunnen, bummelten über den Marktplatz, bogen ein in die Kapellengasse. Hier steht die nach 1447 errichtete Marienkapelle. Vorher stand hier eine Synagoge. Von der Lindenstraße aus hatten wir – was uns vorher nicht aufgefallen war, als wir auf dem Weg zur Stiftskirche hier entlangradelten – zwischen den Häusern hin und wieder einen Blick auf die Tauber. Über die Brückengasse kamen wir auf die andere Seite des Marktplatzes, bestaunten das Haus der Ritter von Zobel,

Das schmalste Haus Wertheims – Das Haus der Ritter von Zobel – erbaut um 1520

das schmalste Haus der Stadt Wertheim – ein schmucker Fachwerkbau, erbaut um 1520. Am Wenzelplatz blieben wir vor dem „Haus der Vier Gekrönten“ stehen – auch dies eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt zwischen Main und Tauber. Dann ging es etliche Stufen hoch zur Schlossgasse. In weitem Bogen führt der Weg hinauf zur Burg, deren Besichtigungszeiten Corona wegen stark eingeschränkt waren. So blieb uns nur der Rundgang, die Parzival-Spirale und der eindrucksvolle Blick auf die sich auf der anderen Main-Seite befindlichen Weinhänge, die roten Dächer der uns zu Füßen liegenden verschachtelten Stadt und die Wertheim an zwei Seiten einschließenden Flüsse.

Blick von der Burg auf Wertheim

Über einen im Zick-Zack angelegten Weg gelangten wir wieder nach unten und suchten das Rathaus auf, die ehemalige Fürstliche Hofhaltung mit großem Innenhof und einem der Melusine gewidmetem Gedenkstein vor dem Zugangstor. „Melusine“ – so heißt es da – „Du in deinem schwarzen Wasser! Was weißt Du von uns? Unter dem Erlengezweig, den schartigen Steinen, dein Königreich, du, keiner weiß, woher du kommst … Unruhig werfen wir Angler unsere alten Fragen aus.“ Der Schriftsteller Hans Dieter Schmidt ersann diese Zeilen auf der Grundlage einer Sage über die schöne Melusine, die als Wassergeist in der Tauber wohnt.

Die Hochwassermarke von Wertheim – 1784 stand das Wasser des Mains hier 8,50 Meter hoch

Ja, verwunschen ist sie, die Tauber, verzaubert vielleicht. Denn immer wieder wechselt sie ihren Lauf, wuselt schmal und unscheinbar im Taubergrund zwischen den Anhöhen Bayerns und Württembergs hin und her. Wälder, Wiesen, Weinhänge begleiten sie, fast immer verbergen Bäume am Ufer den Blick auf den dunkel im Schatten fließenden Fluss. Wir hatten vor, der Tauber bis Tauberbischofsheim entgegen zu radeln. Doch daraus wurde nichts. Der tadellos ausgebaute Taubertal-Radweg folgt zwar weitgehend dem Lauf des Flusses, verläuft aber so gut wie nie eben und flach im Tal … Da wir nicht – wie viele der uns überholenden Radwanderer – mit E-Bikes unterwegs waren, konnten wir etliche Steigungen nur schiebend bewältigen. Der uns dabei zugeworfene Spruch „Wer sein Rad liebt, schiebt“ konnte uns nicht motivieren. Erschöpft gaben wir in Gamburg auf. Dort wollten wir die talbeherrschende Burg besuchen, von der in der Tauber-Sage über Melusine, dem Flussmädchen, die Rede ist, doch sie öffnet nur am Wochenende für Besichtigungen. Doch auch so, nur von außen, ist sie ein sehenswerter Bau. Drunten im Tal, in Gamburg, betrachteten wir den Brunnen, der Hokemo, einem weiteren Tauber-Wassergeist, gewidmet ist, blieben vor einem Schaufenster stehen, hinter dem ein eifriger Sammler seine Schreibmaschinen-Schätze zeigt – wunderschöne Relikte einer von PC- und IT-Technik verdrängten Zeit.

Auf dem Rückweg machten wir noch einen kleinen Abstecher: das ehemalige, 1153 erstmals urk

Kloster Bronnbach an der Tauber

undlich erwähnte Zisterzienserkloster Bronnbach lockte uns zum gegenüberliegenden Tauber-Ufer. Wir umrundeten die nunmehr kulturellen Zwecken dienende Abtei,

Wein-Terrasse am Kloster Bronnbach im Lieblichen Taubertal

verweilten in dem Barock-Gärtchen, wanderten an den Wein-Terrassen vorbei zur gastronomisch genutzten Orangerie. Hier stärkten wir uns mit leckerem Wein vom Tauberhang bei Reicholzheim. Die restliche Strecke nach Wertheim zurück kam uns nicht mehr so beschwerlich vor wie auf der Hinfahrt …